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Der Baumunfall in Trier und seine Folgen

Dieser Beitrag wurde am 28. November 2013 veröffentlicht und ist möglicherweise nicht mehr aktuell.

Im November 2012 stürzte in der Trierer Innenstadt eine Kastanie plötzlich um. Dabei kam eine Frau ums Leben, ein Mann wurde verletzt. Ein Jahr später begann der Prozess gegen einen Sachgebietsleiter der Stadt Trier. Er war für die Zweitkontrollen der Bäume zuständig. Solche Kontrollen werden durchgeführt, wenn bei der Baumkontrolle Schäden oder Defekte bemerkt werden, welche eine nähere Untersuchung etwa mit einer Bohrwiderstandsmessung oder Tomographie erfordern. Die Untersuchung mit speziellen Geräten wird als eingehende Untersuchung bezeichnet. Auch bei Auffälligkeiten, die vom Boden aus nicht bewertet werden können, wie zum Beispiel Höhlungen in der Krone, kann eine zweite Kontrolle mittels Leiter, Hubsteiger oder ähnlichem erforderlich sein. Hier spricht man dann von einer weiteren Inaugenscheinnahme.

Untersuchung wurde nie durchgeführt

Im konkreten Fall empfahl der Baumkontrolleur, bei der Kastanie eine eingehende Untersuchung durchzuführen. Hierdurch hätte erkannt werden können, dass der Stamm des Baumes so hohl ist, dass er gefällt werden muss. Die Baumkontrolle war vier Monate vor dem Unglück. Der angeklagte Gärtnermeister machte sich eine Notiz und legte diese in einer Mappe ab. Die hohe Priorität habe er nicht erkannt, die Untersuchung wurde nie durchgeführt. Im ersten Prozesstag wurde deutlich, dass die Angestellten der Stadt bzw. die Stadt selbst mit den Baumkontrollen überfordert waren. Richter Strick: „Im Hauptverfahren werden wir untersuchen, ob hier eine Alleinschuld innerhalb einer intakten Struktur vorliegt oder ob eben diese Struktur Defizite hat.“

„Man hätte diesen Baum sofort fällen müssen“

Der zweite Verhandlungstag offenbarte weitere strukturelle Probleme bei der Stadt. Mit dem Baumkataster kommt man stellenweise nicht zurecht und viele alte Daten wurden immer noch nicht eingepflegt. Ein Baumkontrolleur war für die Aufgabe nicht ausreichend qualifiziert. Die Baumkontrolleure wurden u.a. auch für den Winterdienst eingesetzt, so dass nur wenig Zeit für Bäume blieb.
Der schadhafte Baum wurde zunächst von einem Mitarbeiter zufällig entdeckt und der Vorgesetzte direkt informiert. Bei einer weiteren Baumkontrolle wurde u.a. auch die schlechte Vitalität bemerkt. Der Sachverständige, der den Baum für das Gericht begutachtete, sagte aus, dass dieser schon viel früher hätte gefällt werden müssen. Eine eingehende Untersuchung sei gar nicht mehr nötig gewesen, „man hätte diesen Baum sofort fällen müssen“. Diese Notwendigkeit wurde nicht erkannt.

Mildes Urteil

Das Gericht verurteilte den wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagten städtischen Mitarbeiter zu einer Zahlung von 4.800 Euro, die Staatsanwaltschaft forderte nur 1.800 Euro. Der Richter in seiner Urteilsbegründung: „Sie haben in unverantwortlicher Weise versagt.“ Und weiter: „Es war nicht nur etwas faul im Baum, sondern auch im Grünflächenamt“. „Dass Ihnen eine Freiheitsstrafe erspart geblieben ist, hat nur damit zu tun, dass im Hintergrund noch andere sitzen, die auch versagt haben.“

Der Angeklagte kam mit der Strafe trotzdem sehr glimpflich davon. Dennoch muss er damit leben, dass sein Handeln bzw. Nichthandeln den Tod einer Passantin hätte verhindern können bzw. verschuldet hat. Letztlich liegt das Versagen aber auch bei der Stadtverwaltung und internen strukturellen Problemen.

Handlungsempfehlungen

Das Urteil darf auf keinen Fall dazu führen, dass weder Bäume voreilig aus reiner Angst gefällt werden noch dass zu nachlässig mit der Baumkontrolle umgegangen wird. Als Baumkontrolleur bzw. zuständige Stadt oder Gemeinde sollten Sie sich aber Ihrer hohen Verantwortung bewusst sein, über ausreichend Erfahrung und Qualifikationen verfügen und im Zweifel oder bei Unsicherheit lieber einen Experten mit der Baumkontrolle beauftragen. Je nach Vorbildung reicht ein Kurs nicht unbedingt aus. Fortbildungen sind aber unabhängig vom Wissensstand Pflicht.
Maßnahmen, die sich nach einer Baumkontrolle ergeben, müssen mit einer Dringlichkeit festgelegt werden und dann auch innerhalb dieser Frist ausgeführt werden. Kann dies nicht durch eigenes Personal geleistet werden, ist eine Fachfirma zu beauftragen – je nach Dringlichkeit direkt ohne Ausschreibung.

Viele öffentliche Einrichtungen werden künftig die Organisation der Baumkontrollen überdenken, effizienter arbeiten und zügiger handeln müssen, damit sich ein solches Unglück möglichst vermeiden lässt.

Baumkontrollen werden vergeben

Die Stadt Trier hat zwischenzeitlich aus dem Fall gelernt und zunächst das Budget aufgestockt und eine externe Firma mit der Kontrolle der Bäume beauftragt. Künftig soll die Verwaltung der Bäume neu strukturiert und sogar ein eigenes Sachgebiet für Baumpflege geschaffen werden.

Ausführliche Informationen zum Urteil bei lokalo.de

Nachtrag 06.12.2013: Der Rechtsanwalt des Angeklagten hat Berufung eingelegt und fordert einen Freispruch.

8 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Dipl.-Ing. (FH) Rudloff sagt:

    Es ist wirklich sehr schlimm, dass dieses Unglück passiert ist! Ich persönlich finde das Urteil aber nicht sehr mild – denn anscheinend gab es ja innerhalb der Verwaltung in Trier ein Organisations- oder zumindest Verteilungsproblem und der Mitarbeiter hat darauf hingewiesen!
    Mit 100 Bäumen auf seiner „todo-Liste“ – hätte das nicht bei jedem der Bäume passieren können? Er kann ja nicht bestellen, was nachher nicht von der Stadt bezahlt werden kann und/oder muss Ausschreibungsrichtlinien beachten, die ebenfalls rechtlich bindend sind und zeitaufwändig.
    Darüber hinaus ist er jetzt wegen fahrlässiger Tötung vorbestraft! Das ist möglicherweise ein Aus für seine Anstellung bei der Stadt, geschweige denn woanders.

      1. Frank Silvanus sagt:

        Ja Philipp, 1968 haben Kinder in diesem Baum gespielt. Also ein Schadbild über viele Jahrzehnte. Solche alten Bäume werden manchmal zweimal im Jahr Kontrolliert.

    1. Frank Silvanus sagt:

      Wo bleibt die Eigenverantwortung. Bei Gefahr in Verzug ist eine Ausschreibung ja wohl hinfällig. Die Stadt Trier hat eine eigene Baumkollonne. Also kein Problem sofort zu handeln. Verteilungs- u. Organisationsproblem einfach nur lächerlich.

  2. Michael Lange sagt:

    Bei allen Informationen, welche ich bisher zu dem Fall gelesen habe, fand ich keine Beschreibung der vor dem Baumsturz erkennbaren Schadmerkmale, die der Verurteilte
    laut Berichterstattung hätte sehen müssen. Und die nach Aussage des Gerichtsgutachters zur sofortigen Fällung, also ohne eingehendere Untersuchung, hätten führen müssen. War eine eingehendere Untersuchung wirklich hinfällig? Wer kann hier weiterhelfen?

    1. In einem Artikel steht, dass von Außen eine Faulstelle erkennbar war, bei der durch nähere Betrachtung (z.B. Sondierstab) die Höhlung und deren Ausmaß hätte erkannt werden müssen. Zudem habe der Baum wohl schon seit längerem abnehmende Vitalität gehabt, in der Krone seien Starkäste entnommen worden, vermutlich um die Krone zu entlasten.
      Auch eine Aussage eines Gärtners der Stadt, der sich den Baum näher angesehen hat, bestätigt eine offene Höhlung am Stammfuß.
      Für uns ist es natürlich anhand der ganzen Aussagen schwierig zu beurteilen, ob eine sofortige Fällung nötig gewesen wäre. Aber zumindest eine zeitnahe Untersuchung ist unstrittig und hätte zur sofortigen Fällung geführt. Da sich ein solcher Schaden langsam entwickelt, hätte die eingeschränkte Sicherheit des Baumes aber vielleicht schon viel früher auffallen müssen.

  3. Gunnar Schnabel sagt:

    Es geht endlich ein Ruck durch die Republik. Schade nur, dass dieses durch menschliche Opfer in die Wege geleitet wird.
    Dabei ist die Baumkontrollrichtlinie die eine Seite der Medaille, die Bereitstellung von nötigen Geldern zur Gefahrenabwehr eine ganz andere.
    Traurig zu erkennen, dass jemand, der seinen Job gemacht hat, dann aufgrund „eigentlich“ geklärter Bürokratie einen Baum zur weiteren Bearbeitung an die nächste Instanz abgibt, dann doch zum guten Schluss zum Prallbock gemacht wird.
    Auf der anderen Seite stellt sich natürlich die Frage von „Gefahr im Verzug“. Auf den Fotos, die nach dem Schaden sofort im Netz zu finden waren, sind relativ deutlich Pilzfruchtkörper auf dem Stammfuß des nun liegenden Stammes zu erkennen.
    Es bleibt hier in jedem Fall eines: Ein Mensch, der für den Tod eines anderen verantwortlich ist. WER das nun ist, bleibt für uns Dritte unbeantwortet.

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